Axialdichtung oder Wellendichtring? – radial oder axial richtig abdichten
Soll die Welle radial oder axial abgedichtet werden? Dieser Ratgeber erklärt den Unterschied zwischen Axialdichtung (Gamma-Ring, V-Ring) und Radial-Wellendichtring und hilft bei der Auswahl der richtigen Dichtungsbauform.
Radial oder axial: Wo wird abgedichtet?
Die zentrale Frage bei der Wellenabdichtung lautet, in welche Richtung gedichtet wird. Eine Radialdichtung dichtet zwischen der rotierenden Welle und einer feststehenden Bohrung – die Dichtlippe läuft auf dem Wellenmantel. Eine Axialdichtung dichtet hingegen gegen eine senkrecht zur Wellenachse stehende Fläche (Stirnfläche) – etwa gegen ein Gehäuse oder einen Lagerdeckel.
Der klassische Wellendichtring (Radial-Wellendichtring, umgangssprachlich Simmerring) ist eine Radialdichtung. Zu den Axialdichtungen zählen vor allem der V-Ring und der Gamma-Ring (V-Ring mit Stützkappe). Welche Bauform die richtige ist, hängt von der Einbausituation, dem abzudichtenden Medium und der Schutzfunktion ab.
Merksatz: Der Wellendichtring hält das Schmiermittel (Öl, Fett) im Lager — die Axialdichtung hält Schmutz, Staub und Spritzwasser von außen fern. Häufig werden beide kombiniert: der WDR als primäre Dichtung, der V-Ring als vorgelagerter Spritzschutz.
Wellendichtring und Axialdichtung im Kurzvergleich
Beide Bauformen dichten eine rotierende Welle ab, unterscheiden sich aber grundlegend in Dichtrichtung, Anlauffläche und Funktion.
Wellendichtring (WDR)
Radial wirkende Lippendichtung mit federvorgespannter Dichtlippe, die auf dem Wellenmantel läuft. Hält Schmiermittel im Lager- oder Getrieberaum und sperrt das Medium nach innen ab. Sitzt mit dem Außenmantel fest in der Bohrung.
Axialdichtung (V-/Gamma-Ring)
Elastischer Dichtkörper, der auf der Welle sitzt und mitrotiert. Die Dichtlippe liegt axial mit leichter Vorspannung an einer feststehenden Stirnfläche an. Wirkt als Schutz gegen Staub, Schmutz und Spritzwasser von außen.
Funktionsweise des Wellendichtrings
Der Wellendichtring ist die meistverwendete dynamische Dichtung für rotierende Wellen. Er besteht aus einem Versteifungsring (Metalleinlage), einem Elastomer-Körper und der eigentlichen Dichtlippe. Eine Wurmfeder (Zugfeder) drückt die Lippe mit definierter Vorspannung gegen die Welle und hält den Anpressdruck auch bei Verschleiß konstant.
Die Dichtwirkung beruht auf einem hauchdünnen Schmierfilm unter der Dichtkante. Eine fein definierte Vorzugsrichtung der Dichtlippe fördert austretendes Medium aktiv zurück in den abzudichtenden Raum. Voraussetzung ist eine ausreichend glatte, gehonte Wellenoberfläche und die Einhaltung der zulässigen Umfangsgeschwindigkeit.
Bei stark verschmutzten Umgebungen kommen WDR mit zusätzlicher Staublippe zum Einsatz. Reicht der integrierte Schutz nicht aus, wird vorgelagert eine Axialdichtung ergänzt.
Funktionsweise von V-Ring und Gamma-Ring
Die Axialdichtung in Form des V-Rings ist eine einteilige Elastomerdichtung ohne Metalleinlage. Sie wird elastisch gedehnt auf die Welle aufgezogen, sitzt durch ihre Eigenspannung fest und rotiert mit der Welle mit. Die kegelförmige Dichtlippe legt sich axial mit leichter Vorspannung an eine senkrechte Gegenfläche – etwa an die Stirnseite eines Lagerdeckels oder Gehäuses.
V-Ring
Der V-Ring benötigt keine Bohrung und keinen festen Außensitz. Er lässt sich axial auf der Welle verschieben und damit unkompliziert montieren. Mit steigender Drehzahl hebt die Lippe durch die Fliehkraft teilweise ab, wodurch die Reibung sinkt – der V-Ring wirkt dann zunehmend als berührungslose Schleuderscheibe.
Gamma-Ring
Der Gamma-Ring ist ein V-Ring mit zusätzlicher metallischer Stütz- bzw. Schutzkappe (L-Profil). Die Kappe wird in die Bohrung gepresst, der V-Ring-Körper läuft darin geschützt. Diese Bauform vereint die einfache Wirkungsweise des V-Rings mit einem definierten Sitz und zusätzlichem mechanischen Schutz der Dichtlippe – vorteilhaft bei beengten Einbauräumen und rauen Betriebsbedingungen.
Vergleich: Wellendichtring, V-Ring und Gamma-Ring
Die folgende Übersicht stellt die wichtigsten Eigenschaften der drei Bauformen gegenüber:
| Eigenschaft | Wellendichtring (WDR) | V-Ring | Gamma-Ring |
|---|---|---|---|
| Dichtrichtung | Radial (auf Wellenmantel) | Axial (gegen Stirnfläche) | Axial (gegen Stirnfläche) |
| Hauptfunktion | Schmiermittel im Lager halten | Schmutz/Spritzwasser fernhalten | Schmutzschutz mit festem Sitz |
| Sitz | Außenmantel fest in Bohrung | Eigenspannung auf der Welle | Welle + Stützkappe in Bohrung |
| Metalleinlage | Ja (Versteifungsring) | Nein | Ja (Schutzkappe) |
| Montage | Einpressen, Bohrung erforderlich | Aufdehnen, werkzeuglos | Kappe einpressen, Ring aufziehen |
| Typische Rolle | Primärdichtung | Vorgelagerter Spritzschutz | Geschützter Spritzschutz |
Werkstoffe von Wellendichtringen und Axialdichtungen
Sowohl Wellendichtringe als auch V- und Gamma-Ringe bestehen überwiegend aus Elastomeren. Die Werkstoffwahl richtet sich nach Medium, Temperatur und chemischer Beständigkeit:
- NBR (Nitril-Butadien-Kautschuk): Standardwerkstoff, beständig gegen Mineralöle und Fette, Einsatztemperatur etwa −30 °C bis +100 °C. Wirtschaftliche Wahl für die meisten Standardanwendungen.
- FKM (Fluorkautschuk, z. B. Viton): Höhere Temperaturbeständigkeit (etwa bis +200 °C) und sehr gute Beständigkeit gegen aggressive Medien, Kraftstoffe und viele Chemikalien.
- Weitere Werkstoffe: Für Sonderanwendungen kommen u. a. Silikon (VMQ) bei breiten Temperaturbereichen oder EPDM bei Heißwasser und bestimmten Chemikalien zum Einsatz.
Eine ausführliche Betrachtung der Werkstoffe und Bauformen finden Sie im Ratgeber Kugellager-Dichtungen: 2RS vs. 2Z.
Typische Anwendungsbereiche
Welche Dichtungsart wo zum Einsatz kommt, lässt sich nach der primären Aufgabe gliedern:
Wellendichtring – wenn das Medium im Inneren gehalten werden muss
- Getriebe und Achsantriebe (Ölabdichtung der Eingangs- und Ausgangswelle)
- Pumpen und Hydraulikaggregate
- Elektromotoren und Lagerstellen mit Öl- oder Fettfüllung
- Kurbel- und Nockenwellen im Motorenbau
Axialdichtung – wenn Verschmutzung von außen abgehalten werden muss
- Vorgelagerter Schutz von Wellendichtringen und Lagern gegen Staub und Spritzwasser
- Land- und Baumaschinen mit hoher Staub- und Schmutzbelastung
- Förder- und Antriebstechnik in rauen Umgebungen
- Elektromotoren und Pumpen als sekundärer Schmutzschutz
Auswahlhilfe: axial oder radial abdichten?
Die folgende Schrittfolge hilft, die passende Bauform zu bestimmen:
- Dichtaufgabe klären: Soll Schmiermittel im Inneren gehalten werden? → Radial-Wellendichtring. Soll Schmutz von außen ferngehalten werden? → Axialdichtung.
- Einbauraum prüfen: Ist eine passende Bohrung mit definierter Stirnfläche vorhanden? Bei beengtem Bauraum ist der V-Ring vorteilhaft, da er keine Bohrung benötigt.
- Gegenlauffläche bewerten: Für den WDR muss die Welle gehont und maßhaltig sein. Für die Axialdichtung muss eine ebene, senkrechte Anlauffläche bereitstehen.
- Betriebsbedingungen berücksichtigen: Hohe Umfangsgeschwindigkeit, Temperatur und Mediumart bestimmen den Werkstoff (NBR, FKM) und ggf. die Kombination beider Dichtungen.
- Kombination prüfen: In stark verschmutzten Anwendungen ist die Kombination aus WDR (primär) und vorgelagertem V-Ring (Schutz) oft die langlebigste Lösung.
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Alle Dichtungen anzeigenFAQ – Häufig gestellte Fragen zu Axialdichtung und Wellendichtring
Der Wellendichtring dichtet radial ab: seine Dichtlippe läuft auf dem Wellenmantel und hält Schmiermittel im Lager- oder Getrieberaum. Eine Axialdichtung (V-Ring, Gamma-Ring) dichtet axial gegen eine senkrechte Stirnfläche ab und hält vor allem Schmutz, Staub und Spritzwasser von außen fern. Beide werden häufig kombiniert.
Radial mit einem Wellendichtring dichten Sie, wenn ein Medium – meist Öl oder Fett – im Inneren gehalten werden soll. Axial mit einer V- oder Gamma-Ring-Dichtung arbeiten Sie, wenn die Welle vor Verschmutzung von außen geschützt werden soll oder wenn keine geeignete Bohrung für einen WDR vorhanden ist.
Der V-Ring ist eine einteilige Elastomerdichtung ohne Metalleinlage, die durch Eigenspannung auf der Welle sitzt und keine Bohrung benötigt. Der Gamma-Ring ist ein V-Ring mit zusätzlicher metallischer Stütz- bzw. Schutzkappe, die in eine Bohrung gepresst wird. Er bietet einen definierten Sitz und besseren mechanischen Schutz der Dichtlippe.
In der Regel nicht vollständig. Der V-Ring ist primär ein Schutz gegen Schmutz und Spritzwasser und nicht dafür ausgelegt, flüssige Medien wie Öl unter Druck zurückzuhalten. Für die Öl- oder Fettabdichtung bleibt der Wellendichtring die richtige Wahl. Beide Bauformen ergänzen sich, statt sich zu ersetzen.
NBR ist der wirtschaftliche Standardwerkstoff für Mineralöle und Fette bei moderaten Temperaturen (etwa bis +100 °C). FKM wird gewählt, wenn höhere Temperaturen (etwa bis +200 °C) oder aggressive Medien wie Kraftstoffe und Chemikalien auftreten. Die Auswahl richtet sich nach Medium, Temperatur und chemischer Belastung.
Ja. „Simmerring“ ist eine eingeführte Markenbezeichnung, die sich umgangssprachlich für den Radial-Wellendichtring etabliert hat. Technisch handelt es sich um dieselbe Bauform. Im Shop finden Sie diese Dichtungen unter der Bezeichnung Wellendichtringe.